Erlesene Freuden
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Barmherzigkeit

wie sie die Bibel bekennt

von George Augustin und

M. Gottfried Büchner

ISBN: 9783945462430

64 Seiten, € 5,90

Nach dem Matthäusevangelium, mit dem das Neue Testament beginnt, kritisiert Jesus seine engsten theologischen Verwandten und ärgsten theologischen Konkurrenten, die Pharisäer und Schriftgelehrten, dass sie in der Auslegung der Tora falsche Prioritäten setzten: Sie kümmerten sich um den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel, ließen aber außer Acht, was den Schlüssel zum Ganzen bilde: „Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glauben“ (Mt 23,23). Die Gerechtigkeit ist die Treue Gottes zu seinen Verheißungen, dem Recht zum Sieg zu verhelfen; die Barmherzigkeit ist die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, die Not leiden und Schuld auf sich laden; im Glauben wird Gottes Gerechtigkeit wie seine Barmherzigkeit angenommen und nachgeahmt – durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten.

Diese jesuanische Hermeneutik des Gesetzes und damit der Bibel Israels kommt nicht von ungefähr. Sie nimmt den cantus firmus beider Testamente auf: dass Gottes höchste Gerechtigkeit in seiner Barmherzigkeit kulminiert, weil sie nicht an irdische Grenzen gebunden ist, sondern himmlische Weite erlangt, und dass seine Barmherzigkeit nicht ungerecht, sondern gerecht ist, weil sie durch Gnade selbst da noch Recht schaffen kann, wo ein brutales Unrechtsregime katastrophale Verhältnisse heraufgeführt hat.

Dass in der katholischen Kirche mit großem Echo ein „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen worden ist, nimmt diesen Grundzug biblischer Theologie auf; es bejaht die Sehnsucht vieler Menschen, von Gott nicht verurteilt, sondern in aller Schwäche geliebt zu werden; es hat aber auch die dunkle Kehrseite einer kirchlichen Lehre und Praxis, die oft als ungerecht und unbarmherzig empfunden wird und dadurch zur großen Glaubwürdigkeitskrise wird, weil anscheinend Prinzipien wichtiger sind als Einzelfälle und Dogmen wichtiger als Personen. Von einem neutralen Standpunkt aus kann man zwar fragen, ob ein solcher Eindruck nicht vielfach vorurteilsbehaftet ist. Aber die unruhige Frage wird dadurch nicht beantwortet, wie glaubwürdig werden kann, dass, von Jesus her geurteilt, das erste Prinzip die Barmherzigkeit in ihrer Einheit mit der Gerechtigkeit und das erste Dogma die Inkarnation der Liebe Gottes in Jesus Christus ist.

George Augustin hat mit sicherem Gespür die missionarischen und katechetischen Chancen erkannt, die das Mega-Thema Barmherzigkeit birgt – nicht nur in einem „Jahr der Barmherzigkeit“. Er ist dafür prädestiniert und hat daraus viel gemacht.

Er ist Schüler von Walter Kasper, der das Thema weit nach oben auf die Agenda der Katholischen Kirche geschoben und fest mit einem heißen Eisen der katholischen Moraltheologie verschmolzen hat: Ehe und Familie.

Er ist von Haus ein Inder, der weiß, was es heißt, als kleine christliche Minderheit in einem gigantischen Vielvölkerstaat zu leben und eine traditionell geprägte Glaubenswelt mit der Globalisierung zu vernetzen.

Er arbeitet als Priesterseelsorger, der zum einen die Nöte der Seelsorger kennt, die oft genug ganz tief in die Glaubensexistenz dringen, und zum anderen die der Gläubigen, die in Deutschland kaum noch zur Beichte gehen, aber oft von Sorgen zerfressen und von Schuldgefühlen zernagt, zuweilen aber auch von ihrem Erfolg aufgefresssen werden.

George Augustin treibt seine eigene Theologie ganz nah an der Erfahrungswelt der Menschen, unter denen er lebt und für die er Priester und Professor sein will. Deshalb der Rückgriff auf die Bibel: nicht um exegetischer Detailgenauigkeit oder historischer Neugier willen, sondern um einen Eindruck von der großen Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen zu gewinnen, die nicht aufhört, sondern weitergeschrieben wird.

Das Thema der Barmherzigkeit ist aktuell, aber nicht neu. Es ist in der katholischen Theologie der Gegenwart brisant, aber nicht nur hier. Deshalb ist es ein ökumenisches Zeichen, dass in diesem Buch ein Gespräch angebahnt wird, das Jahrhunderte, Konfessionen und Kontinente überspannt. M. Gottfried Büchner ist ein urdeutscher evangelischer Theologe des 18. Jahrhunderts, dessen Biblische Real- und Verbal-Hand-Concordanz oder exegetisch-homiletisches Lexikon“ äußerst beliebt gewesen ist, weil sie aus pastoralen Gründen biblische Theologie identifiziert hat.

Barmherzigkeit ist ein gesamtbiblisches, ein gesamtchristliches, ein gesamtmenschheitliches Thema. Es bleibt aktuell.

Thomas Söding


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